9 februari 2026

Freundlich-Sein ist wirklich keine Last

Geschreven door Reinhold Philipp

Gedanken zum Gedicht „Vergnügungen“ von Bertolt Brecht

Eines der Gedichte von Bertolt Brecht ist nichts mehr als eine Aufzählung von – laut Brecht – stimmungsaufhellenden Vergnügungen. Hier ist das Gedicht in ganzer Länge:

Vergnügungen

Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen
Das wiedergefundene alte Buch
Begeisterte Gesichter
Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten
Die Zeitung
Der Hund
Die Dialektik
Duschen, Schwimmen
Alte Musik
Bequeme Schuhe
Begreifen
Neue Musik
Schreiben, Pflanzen
Reisen
Singen
Freundlich sein.

Brecht ist vor allem bekannt für seine gesellschaftskritischen Werke wie z.B. „Die Dreigroschenoper“ oder „Mutter Courage“. In seinem Gedicht „Vergnügungen“ schreibt er über alltägliche Dinge, die seiner Meinung nach glücklich machen oder zumindest eine schlechte Laune ein wenig aufhellen können. Wenn die Nachrichten wenig Hoffnung machen oder Anlass zu Fröhlichkeit und Heiterkeit geben, gerade dann ist es gut, regelmäßig darüber nachzudenken, was mir eine Freude machen würde, was ein Vergnügen für mich wäre.

Die Aufzählung endet mit „Freundlich sein“. Nicht wie vielleicht erwartet „von anderen freundlich begrüßt zu werden“, sondern zu anderen „freundlich sein“. Nicht weil man muss, nicht als lästige Pflicht, die manchmal Mühe kostet, sondern als etwas, was ich als angenehm, erfreulich, als „Vergnügen“ empfinde. Freundlich sein macht unsere Umgebung sofort besser und schöner.

Freundlichkeit ist die Fähigkeit, seinen Mitmenschen anerkennend, respektvoll und wohlwollend zu begegnen und durch das eigene Verhalten eine wertschätzende Atmosphäre zu schaffen. Ein freundliches Lächeln wirkt sogar doppelt: Zum einen werden wir von anderen sofort als warmherzig, freundlich und aufgeschlossen wahrgenommen, noch bevor wir überhaupt etwas gesagt haben. Auf der anderen Seite fühlen auch wir uns selbst besser und werden wir uns den Mitmenschen gegenüber ganz von selbst freundlicher verhalten. Durch wertschätzendes Begrüßen bauen wir einen positiven Kontakt auf, wirken wir sofort sympathisch und vertrauenserweckend.

Man kann immer und überall freundlich und nett sein, auch wenn es von den anderen vielleicht nicht erwidert wird. „Freundliche Worte geben den Menschen Kraft zum Leben, niederträchtige Worte können Menschen zu Grunde richten.“ Das ist ein Sprichwort aus dem Buch der Sprüche aus der Bibel, tausende Jahre alt, aber meiner Meinung nach immer noch aktuell. Vor allem Politiker*innen sollten sich mehr hiervon bewusst sein. Manchmal spiegeln die biblischen Sprüche deutlich das Denken der damaligen Zeit wider, aber oft haben sie über all die Jahre nichts von ihrer Aussagekraft verloren.  

Wäre es nicht gut, wenn wir uns vornehmen, abgesehen von all den anderen guten Vorsätzen, die meistens doch nicht lange halten, wie z.B. abnehmen, weniger rauchen, weniger Alkohol trinken, mehr Zeit haben für sich selbst und seine Lieben, in der nächsten Zeit weniger Worte zu benutzen, die beleidigend, herablassend, verurteilend oder sogar verletzend sein können, und mehr freundliche Worte, mehr Worte, die anderen Kraft geben zum Leben?

Over Reinhold Philipp

Reinhold Philipp

Reinhold Philipp is predikant in Den Haag